Kampf gegen den Schund im Film

 

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Was hier folgt ist eine heftige Polemik gegen den Schundfilm (was ist das überhaupt?). Der Verfasser, ein Dr. phil., holt weit aus, argumentiert zunächst in nachvollziehbarer Weise, verfällt aber dann in einen zumindest fragwürdigen martialischen Stil pro Zensur, um die ach so gefährdeten „ungefestigten Menschenseelen“ vor der Unmoral zu erretten. Der "Film-Kurier" hat den Text auf seiner Titelseite am 7. August 1924 gebracht, versehen mit einer kurzen Einführung, der dem Text wohl ein wenig die Schärfe nehmen soll.
 
 
Kampf gegen den Schund im Film.
 
Eine volkswirtschaftliche und kommerzielle Relation.
 
Von Dr. phil. Hans Walter Schmidt.
 
Wir veröffentlichen die nachfolgende gut gemeinte Philippika des bekannten Verfassers gegen den Schund im Film. Wenn sie auch manchmal über das Ziel hinausschießt, enthält sie doch viel Wahres und Beherzigenswertes.
 
   Was bedeutet der Film im Kulturvolke? Diese Frage ist grundlegend bei der objektiv sachlichen Beurteilung des Inhaltes des Filmes sowohl in volkswirtschaftlicher, wie auch in industriell kommerzieller Beziehung. Ganz allgemein kann diese Frage damit beantwortet werden, daß der Film ein Kunstwerk darstellt. Daß der Film tatsächlich auf dem Gebiete der Kunst seine Stelle einnimmt, zeigt uns seine Wesensverwandtschaft mit der Literatur. Das Manuskript ist stets der Untergrund zu einem Filmwerk, auch wenn dieses nur beschreibender Natur ist und tatsächlich ein Skriptum nicht ausgearbeitet wurde. Geistig liegt jedoch jedem Film ein Literaturwerk zugrunde. Wir erkennen daraus, daß der Film hier ein Stück von der Literatur in seinem Wesen angenommen hat. Er gehört deshalb zum Teil, obgleich selbst lautlos, dennoch zur redenden Kunst. Der Film besteht jedoch aus Bildern und das Bild gehört auf das Gebiet der Kunst, welche ihren Höhepunkt in der Malerei erreicht. Dennoch darf auch billig die Photographie als eine Kunst bezeichnet werden, denn das künstlerische photographische Bild hängt von der individuellen Stellung des Menschen zur Aufnahme ab und von der individuellen Entwicklung der Platte und des Positivs. Der Film gehört deswegen auch zu der Kategorie der bildenden Kunst. Er vereint demnach im viel größeren Maße wie das Bühnenstück darstellende und redende Kunst in sich selbst. Es ist deshalb ohne Zweifel richtig, daß der Film ein Kunstwerk darstellt, denn seinem Wesen nach hat er das Recht dazu. Aus diesem Rechte im Rahmen menschlicher Kultur erwächst ihm aber auch eine ernste Pflicht für das Wirtschaftsleben, die Pflicht, die jede Art von Kunst erfüllen muß. Kunst, wahre gottgeborene und geisterfüllte Kunst kann diese Pflicht erfüllen, die darin besteht, die Seele des Menschen zu heben, das Gemüt zu veredeln, den Geist zu bilden, um dadurch das Menschenleben immer menschenwürdiger auszugestalten. Das ist eine hohe Aufgabe der Kunst und dies ist auch die Aufgabe des Films.
 
Kann der Film seine kulturelle Aufgabe erfüllen?
 
   Kann nun der Film diese seine Aufgabe auch erfüllen? Das ist die große allgemeine Frage, welche man sich in wirtschaftlicher Beziehung zuerst vorlegen muß. Von industrieller Seite erhalten wir die Antwort hierauf, welche uns durch Beweise erhärtet, daß tatsächlich unsere Technik soweit vorgeschritten ist, um technisch Meisterwerke im Filme zu schaffen. Es kommt nun nur noch darauf an, ob inhaltlich der Film so beschaffen sein kann, daß er seine hohe Aufgabe zu lösen vermag. Auch dies muß prinzipiell bejaht werden, weil ja die Literatur die Grundlage des Filmes bietet, und niemand wird es in Abrede stellen, daß die Kunst der Literatur ihren kulturellen Zweck nicht restlos zu erfüllen vermag. Es bleibt uns deshalb nur noch die letzte wirtschaftliche Frage übrig: Erfüllt der moderne Film seine hohe künstlerische Aufgabe im Wirtschaftsleben oder erfüllt er sie nicht? Hierauf erhalten wir von kommerzieller Seite den gewünschten Aufschluß, und dieser ist nicht ein einfaches Ja oder Nein, sondern eine komplizierte Kritik des prinzipiellen Inhaltes unseres Filmes auf entwickelungsgeschichtlicher Grundlage.
 
   Die Kritik ist das Scheidewasser zwischen Gut und Böse, welche bei den Prinzipien stets im dualistisch veranlagten Menschenherzen anwesend sind. Von sittlich einwandfreiem Standpunkte aus muß daher der Inhalt des Filmes von der Kritik betrachtet werden, damit zutage trete, daß auch eine Betrachtung vom sittlich verwerflichen Standpunkte sich als nötig erweist. Denn auch in die Filmproduktion als eine Handlung dualistisch veranlagter Menschen hat das Gute, aber auch das böse Prinzip Einlaß gefunden. Und die Wirkungen beider verleugnen sich durchaus in keiner Weise. Daß der Film auch Schlechtes neben dem Guten uns bringt, ist auch ganz natürlich. Denn er, das neueste Produkt aus Literatur und prinzipiell Malerei hat die guten und die schlechten Eigenschaften beider mitbeerbt. Und besonders der Schund in der Literatur, die Schundliteratur ist naturgemäß auch nur imstande, einen Schundfilm hervorzubringen. Und fragen wir uns, wie dieser Vorgang sich entwickelt hat, so kann uns hier eine Parallele der Literatur den besten Aufschluß geben. Ebenso wie sich die kommerzielle Weltmacht der Literatur bemächtigt hat, sich ihrer bemächtigen mußte, um sie unter dem Publikum zu verbreiten, so hat auch des Filmes sich die Industrie und der Handel bemächtigt, um ihn in lebeneigem Strome in alle Schichten der Bevölkerung einzuführen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß hierbei die nämliche Macht ihre Mitarbeit nicht verleugnet, welche in der Literatur den Schund geschaffen hat. Das Wort „verdienen“ wirkt wie ein elektrischer Funke, der durch den Körper des modernen Menschen zuckt, und leider gesellt sich dazu nicht selten die „Habsucht“, welche den weniger festen Charakter dazu antreibt, mit dem schlechten Prinzip Geldgier zu befriedigen, während bei dem, der um seine Existenz ringt und sich deswegen der Schundproduktion in die Arme wirft, gleichsam der Hunger über den Anstand den Sieg davonträgt. Und so verfiel man in der Produktion des Filmes auf das Verwenden des Aktuellen und Sensationellen in krassester Realistik, um dadurch nicht edle, sondern verwerfliche Triebe im Menschenherzen, die stets darin verborgen liegen, wachzurufen und zu nähren. Die Entwicklung der Zeit ließ gar viele nach solcher Realistik Verlangen tragen, auch in dem Rahmen des Filmes. Und das Lichtspielgewerbe, welches diesen Umstand wahrnahm, sann darauf, ihn sich nutzbar zu machen. Die Anforderung solcher artiger Filmwerke gab hinwiederum der Filmindustrie den kommerziellen Rat, in dieser Beziehung Lichtspielgewerbe und Publikum mit dem Gewünschten zu versehen, welches dem ersteren Kassenerfolge zuschob, in dem letzteren die natürlichen bösen Instinkte weckte und stärkte. Die Filmindustrie aber veranlaßte durch die Schaffung von Existenzmöglichkeit oder durch das in Aussichtstellen von Reichtümern gar manchen Regisseur und Filmautor, realistischen Schund zu produzieren und zu inszenieren. So wurde durch Zusammenwirken gewisser Elemente der ersten Urheber des Films, der Schriftsteller, der Regisseure, der Filmindustrie und des Lichtspielgewerbes dem Publikum, der Menschheit Schundfilme aufgetischt, deren verderbliche Wirkung in moralischer und volkswirtschaftlicher Beziehung nur zu klar zutage treten. Mit der Tatsache, daß der Schundfilm entstanden ist, müssen wir uns abfinden. Nicht abfinden dürfen und können wir uns – als Kulturmenschen – mit einem Siege der Unmoralität im Film. Hier gilt der Kampf, und unser Feldgeschrei lautet:
 
Nieder mit dem Schund im Film!
 
   Wir wollen auch getrost in diesen Kampf eintreten, denn wir kennen wirksame Waffen, welche uns in diesem Kampfe für Wahrheit, Menschenrecht und Geistesfreiheit gar mächtig unterstützen. Die eine mehr äußerliche Waffe ist die Zensur. Sie ist das gesetzliche Organ, welches vom Gesichtspunkte der sozialen Fürsorge aus es verbietet, daß durch den Schuld im Film Seele, Geist und auch Leib des Volkes vergiftet und vernichtet werden. Unnachsichtlich möge daher die Zensurschere in denjenigen Filmwerken wüten, in welche tatsächlich der Schund mit hämischer Fratze dem Zuschauer entgegengrinst, um ihm schamlos zu eröffnen: Ich nähre und befriedige das Schlechte in dir – dafür mußt du mich bezahlen! – Doch allein mit dieser Waffe der Jurisdiktion, der äußerlichen mechanischen Bekämpfung des schon Bestehenden ist nur wenig auszurichten. Wer skrupellos das unsittliche Prinzip zum Geldverdienen heranzieht, der wird auch nicht davor zurückschrecken, es schamlos auszusprechen: „Gesetze sind dazu da, damit sie umgangen werden!“ Auch die Schundproduktion im Film findet Mittel und Wege genug, in gesetzlich unanfechtbarer Art und Weise süßes, aber deswegen um so verderblicheres Gift in den wohl bereiteten Ackerboden ungefestigter Menschenseelen einzusenken. Nein, hier gilt es mit mächtigeren Waffen zu kämpfen, stärkere metaphysische Kräfte zur Hilfeleistung heranzuziehen. Und das sind die Kräfte der Seele und das bloße hauende Schwert des Geistes. Denn durch die fruchtbare Arbeitsgemeinschaft beider wird durch das Entstehen von Gutem das Entstehen des Bösen unterdrückt und auch das bestehende Schlechte zur Kapitulation gezwungen. Bei der Produktion muß vor allem der Hebel tatkräftig angesetzt werden. Denn die Schundproduktion läßt sich nur bekämpfen hinter dem Bollwerk der Produktion des Guten. Dies Kulturprinzip hat auf allen Gebieten seine Gültigkeit, also auch auf demjenigen des Films. Der Schriftsteller ist gleichsam der geistige Urheber des Films. Darum beginnt unser geistiger Kampf gegen den Schund im Film mit dem aufforderndem Schlachtrufe:
 
Wahre, idealistische Schriftsteller an die Front!
 
   Denn nur Schriftsteller mit reiner Liebe zum Volke und zur Menschheit im warm schlagenden Herzen, Literaten, welche, angetrieben durch starken Gottesglauben in der Seele, durch ihre vom Schöpfer erhaltenen Geistesgaben dem Guten diesen wollen, sie allein werden den Grund zum Aufbau volkswirtschaftlich nützlicher Filmproduktion zu legen vermögen. Der zweite Schlachtruf aber lautet: „Regisseure ins Feuer!“ Und zwar solche Regisseure, welche wissen, daß durch ihre Tätigkeit Menschenseelen entweder vernichtet oder veredelt werden können, und welche es sich zum Arbeitsprinzip erkoren, mit allen Mitteln das letztere zu erreichen.

gefunden in: Film-Kurier. 07.08.1924

 

 



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